Waldwissen, Austausch und praktische Einblicke
Wald und Frauen gehören zusammen
von Eva Herz
Raus aus dem Alltag, rein in den Wald
Noch frische Temperaturen, sonniger Himmel und das Knirschen der Wanderstiefel auf dem Waldweg: Rund 50 Frauen machten sich auf den Weg durch den Großen Wald bei Wertach. Schnell wurde deutlich, dass es bei diesem besonderen Waldbegang um weit mehr ging als nur um Bäume und Forsttechnik. Es ging um Austausch und darum, Frauen im Wald eine Stimme zu geben.
Ungezwungene Atmosphäre
Organisiert wurde die Veranstaltung von den Försterinnen des Amts für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Kempten (AELF), der Waldbesitzervereinigung Kempten (WBV) sowie der Forstbetriebsgemeinschaft Oberallgäu (FBG). Anna Notz, Försterin am AELF Kempten begrüßte die Teilnehmerinnen und erklärte die Idee hinter dem Frauenwaldbegang: Waldbesitzerinnen und interessierte Frauen sollten die Möglichkeit bekommen, sich in ungezwungener Atmosphäre mit dem Thema Wald auseinanderzusetzen und miteinander ins Gespräch zu kommen. Denn gerade in der Forstwirtschaft, die vielerorts noch immer männlich geprägt ist, halten sich Frauen mit Fragen oder eigenen Erfahrungen oft eher zurück. Nach einer kurzen Wanderung warteten bereits die ersten Fachstationen. Hier ging es um Waldumbau, Durchforstung, Pflege von Jungbeständen sowie Verkehrssicherung.
Klimastabile Mischwälder als Ziel
An der Station „Waldumbau“ erklärte Anna Notz den Teilnehmerinnen, vor welchen Herausforderungen die Wälder künftig stehen. Ziel des Waldumbaus ist es, anfällige Fichtenbestände in klimastabile Mischwälder umzuwandeln. Denn der Klimawandel bringt zunehmend Wetterextreme mit sich. Längere Trockenperioden, Starkniederschläge, Stürme und veränderte Vegetationszeiten setzen vor allem reinen Fichtenbeständen immer stärker zu. Gleichzeitig begünstigen die steigenden Temperaturen die Ausbreitung von Schadinsekten wie dem Borkenkäfer. Mischwälder mit unterschiedlichen Baumarten gelten dagegen als deutlich widerstandsfähiger. Sie können besser auf klimatische Veränderungen reagieren und sind weniger anfällig für großflächige Schäden.
Je nach Alter und Zustand eines Waldes können Schritte in Richtung eines stabilen Mischwalds mit verschiedenen Maßnahmen erfolgen. Ein Baumartenwechsel, bzw. eine bessere Mischung kann in alten Wäldern durch natürliche Verjüngung oft noch vorhandenen Mischbaumarten erreicht werden. Im Wald bei Wertach haben sich Weißtannen, Buchen, Ahorn, Fichten und Vogelbeeren angesamt und entwickelt: Eine stabile Mischung für den Zukunftswald. Außerdem kann die erwünschte Baumartenmischung durch das Pflanzen von jungen Bäumen erreicht werden. Das kann als sogenannter „Voranbau“ bereits unter dem schützenden Schirm der Altbäume, als Wiederaufforstung auf einer Freifläche oder als Ergänzungspflanzung in eine bestehende Naturverjüngung erfolgen.
In jungen „Stangenhölzern“ oder mittelalten Beständen können keine zusätzlichen Baumarten mehr eingebracht werden. Jedoch können durch regelmäßige Pflege die Stabilität erhöht und vorhandene Mischbaumarten begünstigt werden.
Die Pflege junger Bestände braucht klare Ziele
Julia Agramonte und Anita Nenning von der WBV erklärten den Teilnehmerinnen direkt im Bestand, dass Waldpflege nicht nach einem festen Schema funktioniert. Entscheidend sei immer die Frage, welches Ziel mit dem Wald verfolgt werde. Soll der Wald schnell eine große Holzmenge für die energetische Nutzung und das Sägewerk liefern oder möglichst hochwertiges Holz für den Schreiner erzeugen? Je nach Zielsetzung werden unterschiedliche Bäume gefördert und gepflegt.
Bei der Pflege von Jungbeständen erklärte Julia Agramonte außerdem die Unterschiede bei der Behandlung von Laub- und Nadelholzbeständen. Die drei Hauptkriterien bei der Pflege sind Vitalität, Stabilität und Qualität. Dies gilt bei allen Baumarten. Bei der Fichte ist die Stabilität wichtiger, bei Laubholz liegt der Fokus mehr auf der Qualität. Zudem brauchen Laubbäume später mehr Platz. Für die Kronen der sogenannten „Zukunftsbäume“ wird daher bereits in jungem Alter mehr Platz eingeplant.
Auch das Thema Totholz spielte bei dieser Station eine wichtige Rolle. Abgestorbene Bäume oder liegendes Holz sollten nach Möglichkeit im Wald verbleiben, da sie wertvollen Lebensraum für zahlreiche Tiere und Insekten bieten. Bei der Fichte ist allerdings Vorsicht geboten: Aufgrund der aktuellen Borkenkäferproblematik muss genau abgewogen werden, ob Totholz im Bestand bleiben kann. Mit einem Satz brachte Julia Agramonte ihre Sicht auf naturnahe Waldpflege schließlich auf den Punkt: „Wald darf auch mal wild sein.“
Zur Zukunft einzelner Baumarten fand Agramonte deutliche Worte. Die Esche leidet massiv unter dem sogenannten „Eschentriebsterben“, das durch einen Pilz verursacht wird. Hier kann bereits der weitgehende Verlust einer heimischen Baumart für die Zukunft beobachtet werden. Bayernweit kommt auch die Fichte mit steigenden Temperaturen und längeren Trockenphasen immer schlechter zurecht, vielerorts sind die Fichtenbestände bereits stark zurückgegangen.
Zukunftsbäume (Z-Bäume) gezielt fördern
Wie wichtig Licht und Platz für das Wachstum eines Baumes sind, erklärte Johanna Weber von der FBG Oberallgäu anhand eines etwa 80 Jahre alten Waldbestands. Viele der Bäume stehen dort inzwischen zu dicht beieinander. Bei der sogenannten Z-Baum-Durchforstung werden deshalb gezielt einzelne Zukunftsbäume anhand von Merkmalen wie Qualität und Vitalität ausgewählt und markiert. Umliegende Bäume, die die Z-Bäume bedrängen, werden entnommen, damit die Zukunftsbäume wieder mehr Licht und Raum bekommen. Dadurch können sie vitaler und kräftiger wachsen, was zur Stabilität des Baumes beiträgt. Weber erklärte, dass bei einem gesunden Zukunftsbaum ein Kronenanteil von mindestens 30, besser 50 Prozent der Stammlänge angestrebt wird. Wie die Fällung eines Baumes sicher durchgeführt wird, zeigte Forstwirtschaftsmeister Christoph Müller anschließend direkt vor Ort bei einer Baumfällung.
Verkehrssicherung im Spannungsfeld von Natur und Verantwortung
An der Station zur Verkehrssicherung erfuhren die Teilnehmerinnen, welche Verantwortung Waldbesitzerinnen entlang von Straßen und Wegen tragen. Dabei erklärte Nina Weißmann von der WBV, worauf bei der Kontrolle von Bäumen geachtet werden muss und welche Schäden oder Auffälligkeiten ein Risiko darstellen können. Besonders abgestorbene Äste, instabile Bäume oder Schäden am Stamm können zur Gefahr werden und sollten vorsorglich entfernt werden. Gleichzeitig wurde deutlich gemacht, dass nicht jeder krumme oder abgestorbene Baum automatisch gefällt werden muss. Außerhalb des Gefahrenbereichs für die Öffentlichkeit stellt Totholz einen wertvollen Lebensraum für Tiere und Pilze dar. Gerade im Wald müsse zwischen Naturschutz, Verkehrssicherheit und wirtschaftlichen Aspekten abgewogen werden.
Persönlicher Austausch
Es wurde viel diskutiert, nachgefragt und Erfahrungen ausgetauscht. Viele Teilnehmerinnen nutzten die Gelegenheit, ihre ganz persönlichen Fragen direkt vor Ort anzusprechen.
Auch Wertachs Bürgermeisterin Gertrud Knoll begleitete die Veranstaltung und unterstrich in ihrem Grußwort die Bedeutung des Waldes für ihre Gemeinde. Beim anschließenden geselligen Beisammensein mit Brotzeit auf dem Parkplatz wurde noch lange weitergeredet. Für viele Teilnehmerinnen war der Frauenwaldbegang nicht nur eine fachliche Weiterbildung, sondern auch eine Möglichkeit, Kontakte zu knüpfen, voneinander zu lernen und den Wald aus neuen Blickwinkeln zu betrachten. Der Frauenwaldbegang zeigte eindrucksvoll, wie groß das Interesse von Frauen an Themen rund um Waldumbau, Pflege und Klimaanpassung ist.
Ansprechpartner
Anna Notz
AELF Kempten (Allgäu)
Kemptener Straße 39
87509 Immenstadt im Allgäu
Telefon: 0831 52613-3801
Fax: +49 831 52613-1444
E-Mail:
Poststelle@aelf-ke.bayern.de
Gut zu wissen
Neben der kostenfreien Beratung bietet die Bayerische Forstverwaltung auch finanzielle Unterstützung für waldbauliche Maßnahmen. Bei Fragen rund um den Waldumbau erhalten Waldbesitzerinnen und Waldbesitzer Unterstützung bei den Forstrevierleiterinnen und -leitern der Bayerische Forstverwaltung.
Försterfinder - Waldbesitzer-Portal