Schauflächen Pflanzenschutzmittelreduktion
Wenn der Roboter den Ampfer sticht
Normalerweise bedeutet Ampferbekämpfung vor allem eines: Bücken, Stechen, Weitergehen. Auf der Grünlandfläche von Elena Mayer in Oberdorf bei Martinszell sieht das an diesem Tag anders aus.
Zwei grüne Roboter bewegen sich selbstständig über die Fläche. Sobald sie eine Ampferpflanze erkennen, halten sie an. Ein Bohrer senkt sich zum Boden, dringt rund 15 Zentimeter tief ein und zerkleinert die Pflanze mitsamt ihrer Wurzel. Anschließend verschließt der Roboter das entstandene Loch und bringt Grassamen aus.
Was auf den ersten Blick fast futuristisch wirkt, ist bereits Realität. Die Landwirtin hatte auf der Fläche mit einem massiven Ampferproblem zu kämpfen. Auslöser waren Baumaßnahmen eines nahe gelegenen Supermarktes. Dabei wurde Humus abgetragen und anschließend musste die Fläche neu angesät werden. In den offenen Stellen konnte sich der Ampfer stark ausbreiten. „Das war wirklich ein massiver Ampferdruck auf der Fläche. Von Hand wäre das kaum zu schaffen gewesen. Ich hätte wochenlang Ampfer stechen müssen“, sagt Elena Mayer. Der Roboter nahm ihr diese Arbeit ab: Bereits 2025 wurden im Rahmen eines Schauversuches zur Pflanzenschutzreduktion im Grünland auf rund 0,5 ha der Fläche rund 1.550 Ampferpflanzen gezielt bekämpft. In einzelnen besonders stark betroffenen Bereichen wurden fünf bis 30 Ampferpflanzen pro Quadratmeter festgestellt.
Um das Thema Pflanzenschutzmittelreduktion in die breite Praxis zu tragen, zeigen die Ämter für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (ÄELF) seit dem Jahr 2022 anhand der eigens dafür angelegten „Schauflächen Pflanzenschutzmittelreduktion“ praxisrelevante Reduktionsmöglichkeiten auf. Die Schauflächen werden bayernweit in verschiedenen Kulturen angelegt. Da Dauergrünland im Dienstgebiet des AELF Kempten den Schwerpunkt bildet, wurde die Schaufläche 2025 auf einer Grünlandfläche von Elena Mayer eingerichtet. Bei den bisherigen Einsätzen in diesem Jahr wurden auf weiteren 0,5 Hektar knapp 2.000 Ampferpflanzen bekämpft. Inzwischen ist auf der Fläche eine deutliche Verbesserung zu erkennen.
Seit Anfang 2022 ist der flächige Einsatz von Pflanzenschutzmitteln im Dauergrünland nach dem Bayerischen Naturschutzgesetz grundsätzlich verboten. Die mechanische Einzelpflanzenbekämpfung bietet daher eine Möglichkeit, Problempflanzen gezielt und ohne flächigen Herbizideinsatz zu bekämpfen.
Ampfer ist Problemunkraut
Der Ampfer zählt im Grünland zu den hartnäckigsten Problempflanzen. Er verdrängt wertvolle Gräser und Kräuter, indem er ihnen Platz, Licht und Nährstoffe wegnimmt. Besonders auf Futterflächen ist ein starker Besatz problematisch, da er sich negativ auf die Futterqualität und die Leistungsfähigkeit des Bestandes auswirken kann. Für viele Betriebe bedeutet die Ampferbekämpfung bisher vor allem viel Handarbeit. Gerade im ökologischen Landbau, in dem chemische Pflanzenschutzmittel nicht eingesetzt werden dürfen, bleibt häufig nur die Einzelpflanzenbekämpfung. Der Einsatz wird vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Kempten (AELF) begleitet. Pflanzenbauberaterin Julia Sommer beobachtet dabei nicht nur den unmittelbaren Bekämpfungserfolg, sondern auch die weitere Entwicklung des Bestandes. „Für uns ist es interessant zu sehen, wie sich der Roboter unter Praxisbedingungen bewährt. Wir betrachten nicht nur die einzelne Ampferpflanze, sondern die Entwicklung der gesamten Fläche: Schließt sich die Grasnarbe wieder? Kommt Ampfer nach? Und wie gut lässt sich die Technik in den landwirtschaftlichen Alltag integrieren?“, sagt Julia Sommer.
Arbeitsweise
Der eingesetzte Roboter „Pratum“ erkennt Ampferpflanzen mithilfe von Kameras und künstlicher Intelligenz. Anschließend positioniert sich das Gerät über der Pflanze und bearbeitet sie mechanisch. Das Ziel besteht darin, die Pflanze so zu schädigen, dass sie nicht wieder austreibt. Danach bringt der Roboter Grassamen aus, damit offene Stellen im Bestand wieder geschlossen werden können. Laut Unternehmensangaben schafft der Roboter derzeit rund 600 bis 700 Bohrungen am Tag. Mit vier Akkus kann das Gerät etwa 20 bis 23 Stunden lang betrieben werden, auch nachts. Für die fachliche Bewertung ist jedoch nicht allein die Tagesleistung entscheidend, sondern auch die Frage, wie zuverlässig die Pflanzen erkannt und bekämpft werden. Nach Angaben von Paltech kostet das Gerät je nach Konfiguration ab rund 68.000 Euro. Für viele Betriebe dürfte daher vor allem der überbetriebliche Einsatz interessant sein, etwa über einen Maschinenring oder einen Lohnunternehmer. So könnte die Technik auf mehreren Flächen eingesetzt und besser ausgelastet werden. Zusätzlich kann eine Förderung über das Bayerische Sonderprogramm Landwirtschaft Digital, kurz BaySL Digital, eine Rolle spielen, sofern die jeweiligen Voraussetzungen erfüllt sind.
Letzte Verbesserungen
Hinter der Technik steht das Kemptener Unternehmen Paltech. Gründer Felix Schiegg hat Robotik an der Technischen Universität München studiert und mehr als fünf Jahre an der Entwicklung gearbeitet. Aktuell sind nach Unternehmensangaben vier Roboter verkauft, die Betriebe werden eng begleitet. Bei Störungen können viele Probleme aus der Ferne gelöst werden.
„Wir begleiten die Betriebe aktuell sehr eng und wollen in diesem Jahr die letzten Kinderkrankheiten beheben. Wenn alles gut läuft, können wir im kommenden Jahr in die Serie gehen“, sagt Felix Schiegg. Der Versuch zeigt zugleich, dass der Erfolg der mechanischen Bekämpfung stark von den Bodenverhältnissen abhängt. Verdichtete, steinige oder sehr trockene Bereiche können den Einsatz erschweren. Langfristig arbeitet Paltech eigenen Angaben zufolge daran, die Technik auch für weitere Problempflanzen im Grünland, darunter Kreuzkräuter und Herbstzeitlose, weiterzuentwickeln.
Fazit
Neben mechanischen Verfahren werden im Allgäu auch Lösungen zur gezielten chemischen Einzelpflanzenbehandlung entwickelt. Die Unternehmen Allgäu Automation und Rumex GmbH arbeiten ebenfalls mit kameragestützter Pflanzenerkennung.
Auf der Fläche von Elena Mayer ist bereits zu sehen, was die Technik leisten kann. Der Ampfer ist noch nicht vollständig verschwunden, der Besatz hat jedoch deutlich abgenommen. Ob sich der Roboter langfristig in der Grünlandbewirtschaftung etabliert, werden weitere Praxiseinsätze zeigen.